Das Erbe von Idomeni: Gestrandet im Ungewissen

Seit einem halben Jahr ist die Balkanroute für die legale Fluchtbewegung geschlossen. Idomeni ist geräumt und die Menschen sind in staatlichen Lagern untergebracht. Dort stecken sie fest – unter zweifelhaften Lebensbedingungen und ohne Gewissheit wie es für sie weitergeht. Bericht aus Nordgriechenland.

Mohamed Reza sitzt auf einer selbst gebauten Holzpritsche und schaut mich resigniert an. „Ich verstehe nicht, warum du das tust“, sagt er. Er meint die Fotos, die ich von den Menschen und den dutzenden Zelten in der riesigen Fabrikhalle mache. „Seit Monaten kommen Menschen, machen Fotos, stellen Fragen und nichts hat sich verändert“, meint er. Wir befinden uns in einem Geflüchtetencamp in Thessaloniki. Reza ist seit mehr als einem halben Jahr in Griechenland. Er war in Idomeni, hat die Proteste, den Schlamm und den Medienhype dort mitbekommen. Dann die Räumung des inoffiziellen Camps und die Unterbringung in dieser Halle. In dieser riesigen, lauten Halle. Weil sich nichts zum Guten verändert, will er auch nicht über seine Situation oder die Flucht sprechen. Stattdessen lädt er uns zum Tee ein und redet mit uns über Gott und die Welt.

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Projekt BORDER REPORTER: Aktuell aus Griechenland

Europa will seine Augen vor den prekären Lebensbedingungen von Geflüchteten verschließen. Mit dem Projekt Border Reporter will ich sie wieder öffnen – mit Fotos, Berichten und Videos aktuell aus Griechenland.

Zehntausende Geflüchtete stecken derzeit in Griechenland fest. Europas Staaten halten ihre Grenzen geschlossen und lassen sie nicht weiterziehen. Das Land verwandelt sich in eine riesige Wartehalle für Menschen, die sich auf der Flucht befinden – weitgehend unbeachtet von der europäischen Öffentlichkeit.

Denn der Kontinent versucht zu ignorieren, dass sie dort unter prekären Bedingungen leben müssen – ohne Perspektive und mit schlechter Versorgungslage. Stattdessen verbreiten sich Vorurteile und diskriminierende Ansichten in der Gesellschaft und das Recht auf Asyl wird weiter bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Ich möchte die Bedingungen an den Grenzen Europas dokumentieren und Aufmerksamkeit schaffen. Denn nur eine informierte und kritische Öffentlichkeit kann sich nachhaltig mit den rechten und falschen Positionen auseinandersetzen dazu beitragen, dass in Europa elementare Grundrechte für Geflüchtete vollumfänglich sichergestellt werden.

Aktuelle Beiträge und Fotos könnt ihr auf meinen verschiedenen Plattformen sehen, kommentieren und teilen…
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Balkanroute – Europas unbeachtete Tragödie I

Bericht von der Balkanroute – Teil I: Serbisch-ungarische Grenze

Mit einem kleinen Team bin ich letzte Woche durch Serbien gereist. Unser Ziel: Erkundung der Balkanroute. Europas Staaten verkünden zwar, sie hätten mit ihren Grenzschließungen diesen Weg für Geflüchtete geschlossen. Nachrichten deuten aber das Gegenteil an – die Balkanroute ist offen und Europa verschließt seine Augen davor. Wie sieht die Situation vor Ort aus und vorallendingen, wie geht es fliehenden Menschen dort? Ein Bericht über eine unbeachtete Tragödie mitten in Europa.

Vor einem Stacheldraht spielen Kinder mit Eisenstangen und einem kaputten Kinderwagen. Vom aufwirbelndem Staub sind sie ganz grau und ihre Kleidung dreckig. Ein Stimmengewirr von hunderten Menschen um mich herum dringt an mein Ohr, aus dem Hintergrund dröhnt die nahe Autobahn. Ich befinde mich in einem inoffiziellen Refugeecamp an der serbisch-ungarischen Grenze. Es liegt nur circa hundert Meter neben dem offiziellen Grenzübergang Horgos, umringt von Wiesen und Wald, direkt an der ungarischen Grenze. Nur über einen schmalen Feldweg kommt man hier hin. Offiziell dürfte es das Camp, in dem bis zu 500 Menschen leben, gar nicht geben. Weiterlesen