Bericht von der Balkanroute – Teil I: Serbisch-ungarische Grenze

Mit einem kleinen Team bin ich letzte Woche durch Serbien gereist. Unser Ziel: Erkundung der Balkanroute. Europas Staaten verkünden zwar, sie hätten mit ihren Grenzschließungen diesen Weg für Geflüchtete geschlossen. Nachrichten deuten aber das Gegenteil an – die Balkanroute ist offen und Europa verschließt seine Augen davor. Wie sieht die Situation vor Ort aus und vorallendingen, wie geht es fliehenden Menschen dort? Ein Bericht über eine unbeachtete Tragödie mitten in Europa. Vor einem Stacheldraht spielen Kinder mit Eisenstangen und einem kaputten Kinderwagen. Vom aufwirbelndem Staub sind sie ganz grau und ihre Kleidung dreckig. Ein Stimmengewirr von hunderten Menschen um mich herum dringt an mein Ohr, aus dem Hintergrund dröhnt die nahe Autobahn. Ich befinde mich in einem inoffiziellen Refugeecamp an der serbisch-ungarischen Grenze. Es liegt nur circa hundert Meter neben dem offiziellen Grenzübergang Horgos, umringt von Wiesen und Wald, direkt an der ungarischen Grenze. Nur über einen schmalen Feldweg kommt man hier hin. Offiziell dürfte es das Camp, in dem bis zu 500 Menschen leben, gar nicht geben. Genau wie ein zweites Lager, 30 Kilometer weiter westlich. Nahe dem serbischen Ort Kelebija haben sich in der Transitzone zwischen der ungarischen und der serbischen Grenzstation etwa 300 Menschen selbst gebaute Hütten gezimmert. In beiden Camps warten die Geflüchteten auf ihre Weiterreise nach Mitteleuropa. Die ungarische Regierung lässt am Tag nur 15 bis 30 Personen legal über die Grenze. Nachdem sie registriert wurden, können sie weiter. Es sei denn, sie sind männlich und reisen alleine. Dann kommen sie nach dem Grenzübertritt für 28 Tage ins Gefängnis. Ohne Straftat, ohne Anklage oder Prozess. Die serbischen und ungarischen Behörden verbieten es Journalist*innen und unabhängigen Volunteers ohne Registrierung die beiden Camps zu betreten. Sie wollen kontrollieren, wer die Menschen unterstützt und wer über die Missstände aufklärt.
 

Bedingungen weiterhin dramatisch

In beiden Lagern gibt es keine sanitären Anlagen – von zwei einfachen Wasseranschlüssen abgesehen. Die Menschen müssen sich wochenlang notdürftig per Hand waschen. Da es zu wenige Dixi-WCs gibt, dienen eine nahe gelegene Grube und ein Schattenplatz unter einem Baum als zusätzliche Toiletten. Verpflegung teilen das ungarische Militär und das UNHCR aus. Jeden Tag Wasser, Brot und Thunfisch. Die Behörden verbieten größere und besser befestigte Zelte. Gespendete Campingzelte sind Mangelware. Deshalb zimmern sich die Menschen aus Decken, Stöcken und Blättern Behelfsbehausungen. In einer dieser Behausungen treffe ich Samila. Die 12-jährige Afghanin spricht für ihr Alter tadelloses Englisch. Besser als viele Menschen in Deutschland, denke ich mir. Sie erzählt, sie wäre seit zwei Wochen in dem Camp und seit mehreren Wochen von Griechenland hierher unterwegs. Eine Schule hätte sie seit Monaten nicht mehr gesehen. Sie wirkt sehr gelassen, während sie mir davon berichtet, wie schwer und auch langweilig es in dem Lager für sie wäre. Es ist eine skurrile Stimmung in dem Camp bei Horgos. Die Lebensbedingungen sind dramatisch und die Geflüchteten sind beinah komplett von der Willkür der Behörden abhängig. Der ungarische Grenzzaun erinnert permanent wie ein düsteres Mahnmal an den Hass und die Ablehnung, die Europa den flüchtenden Menschen entgegenbringt. Gleichzeitig spielen direkt davor Geflüchtete Volleyball und Fussball. Sie lachen, organisieren Zusammenkünfte zum Fastenbrechen und sind uns gegenüber sehr offen und freundlich. Von einer Familie werden wir sogar eingeladen, bei Ihnen zu übernachten. Da in der Vergangenheit Volunteers festgenommen wurden, weil sie in den Camps übernachteten, verzichten wir darauf – und ärgern uns deswegen.
 

Am Busbahnhof von Subotica

Die nächst größere Stadt auf serbischer Seite ist Subotica. Am dortigen Busbahnhof sammeln sich einige Geflüchtete. Ein paar der Menschen kommen eigentlich im offiziellen Camp in Subotica unter, wollen dort aber nicht den Tag verbringen. Zu ihnen gehören auch die Familien Abdallah und Chatti. Yussuf Abdallah erzählt, in dem Lager soll es unangenehm riechen, stickig und eng sein. Aktuell beherberge es ungefähr 700 Personen, soll aber für nur etwa 400 ausgelegt sein. Deshalb seien sie tagsüber im Zentrum von Subotica und würden erst erst über Nacht wieder in das Camp gehen. So wie für viele Kinder war meine Kamera für den Jungen der Familie Chatti eine große Abwechslung. Immer wieder dachte er sich eine neue Pose aus, die ich fotografieren sollte. Die nächste Aufnahme ist für mich eine der schönsten.

Illegal nach Ungarn

Am Busbahnhof treffe ich auch Menschen, die bereits mehrfach auf illegalem Weg die Grenze nach Ungarn überschritten haben und wieder zurückgebracht worden sind. So wie Mohamed. Er sieht für sich keine Chance auf offiziellem Weg die Grenze zu überqueren und möchte auch nicht grundlos eingesperrt werden. Deshalb versucht er es auf inoffiziellem Weg. Nachdem er bereits dreimal über die Grenze gegangen ist, will er jetzt abwarten, bis Ungarn die Grenze offiziell öffnet. Ich frage ihn, wie lange das wohl dauert. „Who knows...“, fragt er rhetorisch zurück. Er kommt aus Afghanistan und hatte dort einen kleinen Laden mit CDs und Elektrokleinteilen. Der Terror der Taliban trieb ihn aus dem Land. Im Iran hätte man an der Grenze auf sie geschossen, erzählen er und seine Freunde. In der Türkei und Serbien sei man dagegen gut zu ihnen. Aber „Bulgaria und hungary are very bad“.
Dass Ungarn die Geflüchteten auf eigenem Staatsgebiet aufgreift und nach Serbien und Bulgarien ohne Prüfung ihrer Verfahren zurückbringt, ist streng genommen illegal. Es widerspricht internationalen Abkommen zum Umgang mit Geflüchteten (Non-Refoulment-Gebot). Die Regierung Orban hat diese Woche allerdings ein Gesetz verabschiedet, nach dem illegal eingereiste Personen noch bis acht Kilometer hinter der Grenze direkt wieder abgeschoben werden können. Die Leute betreten illegal ungarisches Territorium, werden geschnappt, zurückgebracht und versuchen es wieder. Diese Prozedur kann sich theoretisch endlos wiederholen. Die ungarische Polizei malträtiert die Geflüchteten mit Schlägen und Elektroschocks. Laut verschiedener Aussagen auch Frauen und Kinder. Eher zufällig treffe ich an einem der letzten Tage einen gesprächigen Polizisten am Grenzzaun. Er erzählt uns, wie leicht der Zaun zu umgehen sei. Fluchthelfende würden mit Drohnen den polizeilichen Funkverkehr stören und mit Nachtsichtgeräten die Umgebung auskundschaften. Sie würden wissen, wann die Polizei patroulliert und mit Metallschneidern anrücken. „Es dauert vielleicht dreißig Sekunden, dann sind die Menschen durch.“ Die Fluchthelfenden zu fassen sei fast unmöglich. „Sie verschwinden sehr schnell wieder auf die serbische Seite – da sind wir machtlos.“ Er vermutet, die serbische Polizei würde in die Aktivitäten verwickelt sein und Bestechungsgelder kassieren.

Die Grenzregion Ungarn-Serbien

Es sind wesentlich weniger Menschen an der ungarisch-serbischen Grenze, als noch im letzten Jahr. Hunderte Menschen befinden sich aber immer noch auf dem Weg durch Südosteuropa auf der Suche nach einem besseren Leben. Gleichzeitig ist das Interesse an den Menschen und ihren Lebensbedingungen in Europa komplett verschwunden. Dadurch bleibt die Bereitschaft zur Unterstützung gering, ebenso die Kontrolle der Behörden durch eine kritische Öffentlichkeit. Uns bleibt nichts mehr übrig, als mit den Informationen zu versuchen, solch eine Öffentlichkeit herzustellen und zukünftige Touren in die Region vorzubereiten – auch wenn die Unterstützung der Menschen dort durch die Behörden erschwert wird. Mit diesen Eindrücken reisten wir weiter nach Belgrad. Durch die Haupstadt Serbiens kamen letztes Jahr Tausende auf ihrem Weg nach Mitteleuropa. Wie sieht die Lage in Belgrad jetzt aus? Gibt es dort weiterhin Geflüchtete oder liegt die Stadt nicht mehr auf der Fluchtroute? Mehr dazu im Teil II Ende der Woche.