Seit ich bei #G20 war, habe ich Angst

Seit mehreren Jahren berichte ich von Demonstrationen und politischen Ereignissen. Sowohl mit Fotos, als auch mit Texten. Ich habe Demonstrationen von Linksradikalen und Neonazis begleitet, war auf der Balkanroute und an der syrischen Grenze unterwegs, war bei Blockaden dabei und hab die Proteste in Tagebauten dokumentiert. Aber ich habe mich noch nie so unwohl im Nachgang meiner Arbeit gefühlt, wie jetzt nach den G20-Protesten. Und das liegt nicht vordergründig an den Aktionen militanter Gewalttäter im Schanzenviertel.

Es macht mir Angst, wie sich die Polizei während der Proteste verhalten hat. Sie hat den Rechtsstaat gebeugt und verdreht, wie es ihr passte. Sie hat eine 38 Quadratkilometer große Zone innerhalb einer deutschen Großstadt ausgerufen, in der sich nicht versammelt werden durfte, um gegen ein höchst problematisches Treffen zu demonstrieren. Sie hat Journalist*innen permanent eingeschüchtert und angegriffen – ich selbst habe am Freitag abend einen Schmerzschlag von einem sächsischen Polizisten auf das Ohr bekommen. Zum Glück hatte ich das einigermaßen geschützt. Andere Kollegen wurden mit Pfefferspray, Tritten und Schlagstöcken malträtiert. Polizeikräfte haben auch Demonstrationen und zivilen Ungehorsam mit äußerster Brutalität angegriffen. Wie im Wahn, als ob sie alles plattmachen müssten, was nicht nach bürgerlicher Gehdemo aussieht. Egal, ob es sich um gewaltfreie Blockaden oder um eine friedliche Tanzkundgebung handelte. Weiterlesen

Fluchtgeschichten: Ahmed aus Syrien

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Deutschland hat Angst vor Geflüchteten – ohne sie zu kennen. Das Bild über die Menschen auf der Flucht ergibt sich aus reißerischen Schlagzeilen und verkürzten Statistiken. Das Land vergisst, dass hinter der Bezeichnung ‚Flüchtling‘ immer ein Mensch mit einer eigenen Geschichte steckt. Ich möchte diese Menschen vorstellen und damit Vorurteile nehmen. Die erste Fluchtgeschichte von Ahmed.

Es war Juni 2015, als Ahmed den ersten Teil seines Studiums in Syrien abgeschlossen hatte. Es war der erste Schritt auf dem Weg zu seinem Traumberuf als Rechtsanwalt. Der Bürgerkrieg in Syrien tobte bereits seit 3 Jahren und das Regime von Assad wollte ihn als Soldaten einziehen – so wie alle anderen männlichen jungen Männer. Weiterlesen

Warum nicht mal einen LKW von Wiesenhof besetzen?

Wiesenhof steht wie keine andere Marke für die Verwerflichkeit der Tiernutzungsbranche und viele haben ein Problem mit den heutigen Bedingungen bei der Fleischerzeugung. Aber warum nur immer im Stillen protestieren, statt direkt etwas zu tun? Warum nicht mal einen Liefertransporter von Wiesenhof besetzen und damit den Betrieb eines Schlachthofs stilllegen? Bericht von einer Aktion in Niedersachsen.
Durch einen dichten Wald pirschen sich eine Handvoll Personen in Richtung einer Schlachtfabrik. Still und leise arbeiten sie sich durch die Büsche. In der Mittagssonne ist jede Bewegung anstrengend, Schweißperlen tropfen ihre Gesichter hinunter. Dann Warten. Zehn Minuten, zwanzig Minuten. Alle knien schweigend auf dem Waldboden, die Spannung ist mit Händen zu greifen. Auf einmal sprinten sie los, raus aus dem Wald, über eine kleine Straße hin zu einem Laster. Eine Leiter wird angelehnt, zwei klettern nach oben, die anderen packen Transparente raus. Ein Mitarbeiter der Schlachtfabrik läuft auf sie zu und brüllt sie an, was sie hier machten. Die beiden auf dem LKW entrollen ein Tuch mit dem Spruch „Ausbeutung beenden“. Auf den Transparenten unten steht „Bis jede Schlachtfabrik stillsteht“ und „Capitalism kills“. Innerhalb nur weniger Augenblicke haben Aktivist*innen der Kampagne gegen Tierfabriken einen LKW von Wiesenhof besetzt – und stören damit den ganzen Betrieb einer Anlage, in der normalerweise in jeder Stunde zehntausende Tiere getötet werden. Weiterlesen

Balkanroute – Europas unbeachtete Tragödie I

Bericht von der Balkanroute – Teil I: Serbisch-ungarische Grenze

Mit einem kleinen Team bin ich letzte Woche durch Serbien gereist. Unser Ziel: Erkundung der Balkanroute. Europas Staaten verkünden zwar, sie hätten mit ihren Grenzschließungen diesen Weg für Geflüchtete geschlossen. Nachrichten deuten aber das Gegenteil an – die Balkanroute ist offen und Europa verschließt seine Augen davor. Wie sieht die Situation vor Ort aus und vorallendingen, wie geht es fliehenden Menschen dort? Ein Bericht über eine unbeachtete Tragödie mitten in Europa.

Vor einem Stacheldraht spielen Kinder mit Eisenstangen und einem kaputten Kinderwagen. Vom aufwirbelndem Staub sind sie ganz grau und ihre Kleidung dreckig. Ein Stimmengewirr von hunderten Menschen um mich herum dringt an mein Ohr, aus dem Hintergrund dröhnt die nahe Autobahn. Ich befinde mich in einem inoffiziellen Refugeecamp an der serbisch-ungarischen Grenze. Es liegt nur circa hundert Meter neben dem offiziellen Grenzübergang Horgos, umringt von Wiesen und Wald, direkt an der ungarischen Grenze. Nur über einen schmalen Feldweg kommt man hier hin. Offiziell dürfte es das Camp, in dem bis zu 500 Menschen leben, gar nicht geben. Weiterlesen

Seltenheitswert: Gericht spricht Demonstranten frei

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Demonstrant in Polizeigewalt. Später wird er eine Anzeige kassieren. // Foto: LS photography

Von Tim Lüddemann und Marisa Janson

Die Sensation ist perfekt: Selbst der Staatsanwalt plädiert für Freispruch – und das obwohl ein linker Demonstrant auf der Anklagebank sitzt und einen Polizisten tätlich angegriffen haben soll. Mit Sonnenbrille, Mütze und Schal im Gesicht vermummt soll er am Rande einer AfD-Demonstration im November 2015 in Berlin zugeschlagen haben. Das sind schwere Anschuldigungen, die in aller Regel mit einer Verurteilung enden.

Menschen, die auf Demonstrationen festgenommen werden, berichten immer wieder, dass sie zu unrecht angeklagt sind. Wenn sie auf einer Demonstration im linken Spektrum waren, schenkt ihnen ein Großteil der Bevölkerung und vor allem das Gericht häufig keinen Glauben. Und in den darauffolgenden Gerichtsverhandlungen lassen wiederholt identische Schilderungen der Zeug*innen – der Polizeikolleg*innen – die Zuhörenden im Gerichtssaal ermüden. Normalerweise enden solche Verfahren mit einer Verurteilung. „Wer in diesem Kontext angeklagt wird, wird zu etwa 90 Prozent verurteilt“, weiß Alexander Bosch von Amnesty International. Weiterlesen

Die Verängstigten

Die Identitären sind eine selbst ernannte Jugendbewegung zur „Bewahrung der ethno-kulturellen Identitäten Europas“. Letztes Wochenende sind unter diesem Label in Wien bis zu 1.000 Menschen auf die Straße gegangen und wollten „Europa verteidigen“. Für den gestrigen Freitag hatten sie das erste Mal mit einer Demo in Berlin zum „Aufstand gegen das Unrecht“ aufgerufen. Sie gaben sich in ihren Reden und mit ihren Symbolen kämpferisch. Aber wenn du mit ihnen sprichst und ein bisschen hinter ihre Fassade blickst, merkst du was sie wirklich antreibt. Angst. Weiterlesen