Fluchtgeschichten: Ahmed aus Syrien

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Deutschland hat Angst vor Geflüchteten – ohne sie zu kennen. Das Bild über die Menschen auf der Flucht ergibt sich aus reißerischen Schlagzeilen und verkürzten Statistiken. Das Land vergisst, dass hinter der Bezeichnung ‚Flüchtling‘ immer ein Mensch mit einer eigenen Geschichte steckt. Ich möchte diese Menschen vorstellen und damit Vorurteile nehmen. Die erste Fluchtgeschichte von Ahmed.

Es war Juni 2015, als Ahmed den ersten Teil seines Studiums in Syrien abgeschlossen hatte. Es war der erste Schritt auf dem Weg zu seinem Traumberuf als Rechtsanwalt. Der Bürgerkrieg in Syrien tobte bereits seit 3 Jahren und das Regime von Assad wollte ihn als Soldaten einziehen – so wie alle anderen männlichen jungen Männer.

Ahmed wollte nicht zur Armee. Für ihn ist Syrien eine Diktatur, die er nicht unterstützen möchte. „Ich wollte in Freiheit leben, nicht für Assad kämpfen und auf Menschen schießen“, sagt er. Jahre zuvor hatte er noch die Demonstrationen für eine demokratische und libertäre Revolution besucht, hatte für ein freies Syrien gekämpft. Bis die syrische Armee auf die Demonstranten schoss und viele Menschen tötete. Der Beginn des Bürgerkriegs. Er weiß nicht, wie er in diesem Krieg etwas bewegen sollte. „Die großen Staaten beherrschen und bestimmen den Krieg“, meint er. „Wie sollte ich da etwas ausrichten und für Frieden sorgen?“

Demonstration im März 2011, die Ahmed besuchte und die von syrischen Sicherheitsbeamten beschossen wurde. Ahmed ist bei Sekunde 15 mit blauem Pullover im Vordergrund zu sehen.

Auf der Flucht vor Assads Foltereinrichtungen, die jeden Kriegsverweigerer erwarten, ging er in die Türkei. In die anderen Nachbarstaaten konnte er nicht – Jordanien, Saudi-Arabien, sie alle ließen keine Syrer ins Land. Aber er wollte weiter nach Deutschland. In der Türkei konnte er nicht arbeiten und sah für sich keine Perspektive. Deshalb fuhr er mit einem kleinen Boot über die Ägäis nach Griechenland, reiste mit Bussen und Zügen tagelang durch Südeuropa, war stundenlang zu Fuß zwischen den Grenzen unterwegs und kam dann im August 2015 endlich in Deutschland an.

Ankommen in Deutschland

„Es gibt viele Menschen hier, die sehr nett sind“, erzählt er. Aber er hat auch davon mitbekommen, wie viele Menschen in Deutschland skeptisch und ablehnend sind. „Sie fühlen sich nicht gut, weil sie uns von ihren Steuern bezahlen und sie haben Angst vor dem Islam“, sagt er. „Dabei brauchen sie keine Angst zu haben. Ich bin Muslim und ich verabscheue ISIS und alles was sie tun“. Außerdem wolle er so schnell wie möglich arbeiten und sein eigenes Geld verdienen. Vor kurzem hatte er ein Vorstellungsgespräch für eine ehrenamtliche Tätigkeit in einem Sozialen Dienst. „Es gibt zwar kein Geld, aber ich hasse es, wenn Menschen einfach rumsitzen und nichts tun“. Für einen festen Job müsste er erst noch besser Deutsch lernen. Mit Angela Merkel könne er übrigens nicht besonders viel anfangen. „Sie hat etwas Gutes getan und man muss ihr dankbar sein“, sagt er. „Aber viele Deutsche mögen sie nicht“. Er kenne sie zu wenig, um sie vollständig einzuschätzen.

Ahmeds größter Traum ist es, dass der Krieg in Syrien beendet wird und er zurück kann. In seinem Heimatort leben noch seine Eltern und seine beiden Schwestern. Neben der Stadt Tastus soll es der einzige Ort in Syrien sein, der noch nicht vom Bürgerkrieg heimgesucht wurde. Sein zweiter Traum ist es sein Jurastudium zu beenden. Für ihn ist es wichtig die Menschen nicht als Flüchtlinge abzustempeln. „Die Menschen verbinden mit dem Wort so viel Negatives“, sagt er. „Wir sind aber keine Kriminellen oder Terroristen – wir sind Menschen, die Unterstützung brauchen. Wir wollen arbeiten und etwas tun.“

Protest gegen Asylrechtsverschärfungen und für mehr Respekt für Geflüchtete Anfang des Jahres in Berlin

Ahmed hat aber auch Angst. Angst, dass der Krieg nicht zu Ende geht und er seine Familie nie wieder sieht. Er hat auch Angst davor allein zu sein. „In Syrien bist du immer mit deiner Familie und Freunde zusammen“, sagt er. „Hier sind aber alle alleine, ohne die Familie“. Für ihn ist es schwierig sich an diesen anderen Umgang untereinander zu gewöhnen. Er denkt die ganze Zeit an seine Verwandten in Syrien. „Es ist schwierig Deutsch zu lernen und zu wissen, dass deine Familie so weit entfernt von hier ist“. Er meint, deshalb sollten auch alle Menschen ihre Familienangehörigen nach Deutschland nachholen können.

Ahmeds‘ Ziel ist es ausreichend Deutsch zu lernen und bei einer Rechtsanwaltskanzlei als Assistent anzufangen. Und irgendwann wieder nach Syrien zurückzukehren.