In eigener Sache: Chemnitz hat doch gar keine U-Bahn

  Seit einigen Tagen geistert ein Screenshot von einem Artikel der Welt im Netz herum, das ein von mir geschossenes Foto beinhaltet, das eine Demonstration in Chemnitz zeigen soll. Das Foto wiederum ist von mir über die dpa angeboten worden. Tatsächlich zeigt das Foto aber eine Demonstration in Berlin-Neukölln - besonders gut erkennbar, weil im Hintergrund ein U-Bahn-Schild zu erkennen ist und Chemnitz überhaupt keine U-Bahn hat. Viele Nachrichten haben mich seither erreicht: "Komisch, Chemnitz hat doch gar keine U-Bahn", "Wer Fotos von Chemnitz mit erkennbarer U Bahnstation ins Netz stellt sollte schleunigst den Arzt wechseln" aber auch ganz sachliche Hinweise auf den Fehler. In einem bestimmten medienkritischen Umfeld schien dieser Fehler auf fruchtbaren Boden gefallen zu sein, fühlten sich doch viele in ihrer Skepsis gegenüber dem schlecht arbeitendem Journalismus bestätigt.
Wie kommt ein Foto in die Zeitung?
Vielen Dank erst einmal für diese Hinweise auf die falsche Nutzung des Fotos. Tatsächlich habe ich persönlich aber keinen Einfluss darauf, wie Redaktionen angebotene Fotos nutzen. Als freier Fotojournalist schießt man Fotos von Ereignissen, bearbeitet sie und beschreibt sie und bietet sie dann über Agenturen an. Diese Agenturen stellen die Fotos in Pools ein - teilweise gehen sie von dort noch weiter an andere Agenturen und landen in anderen Pools. Deshalb kann es passieren, dass ein Foto über merhere Agenturen geht, bevor eine Zeitung darauf stößt. Der Zeitungsredakteur sucht über Stichworte nach Fotos, bekommt diese aufgelistet und wählt dann eines aus. Über automatisierte Abrechnungssysteme bekommt die Ursprungsagentur die Information über die Verwendung des Fotos und zahlt dem Fotojournalisten das Geld aus. Anders ist es, wenn  ein Fotojournalist bei einer Zeitung angestellt ist oder einen Auftrag bekommt. Nur dann besteht direkte Verbindung zwischen Zeitung und dem Fotojournalisten.

Was war der Fehler in diesem Fall?

Nicht nur die Welt hat das Foto nicht eindeutig betitelt. Es handelt sich hierbei aber um keine Verschwörung oder um ein System von Journalisten, das uns alle zum Narren halten will. Es ist einfach ein Mißverständnis. Das Foto ist in Berlin Neukölln von einer Demonstration anlässlich der Ereignisse in Chemnitz von mir geschossen worden - gegen Rechtsradikalismus und Menschenfeindlichkeit in Chemnitz. Es lässt sich also beides hineinlesen - Die Demonstration in Chemnitz oder anlässlich Rechtsradikalismus und Menschenfeindlichkeit in Chemnitz. Es ist also keine Verschwörung, sondern einfach ein mehrdeutiger Sinn, der sich aus der deutschen Sprache ergibt. Die Welt hat das Missverständnis schnell aufgeklärt und auch andere Medien entfernten das Foto .

Also: Wenn ihr Fehler oder Missverständliches in Zeitungen entdeckt, weist sie darauf hin. Sie werden das schnell richtigstellen.

Chemnitz verändert uns

Seit dem Tod von Daniel H. in Chemnitz verändert sich etwas. Zuerst bei den Rechten und nun in der ganzen Gesellschaft.

Demonstration von AfD und Pegida in Chemnitz eine Woche nach dem Tod von Daniel H.

Vor zwei Wochen sah es düster über Chemnitz aus. Nach dem Tod von Daniel waren hunderte aggressive Menschen durch die Stadt gezogen, verbreiteten Hass und Angst. Hitlergrüße wurden gezeigt, Hetzjagden auf Menschen migrantischen Aussehens abgehalten. Die Polizei setzte dem rechten Mob zu wenig entgegen und hatte die Lage nicht im Griff. Auf der Straße regierte Dunkeldeutschland. Auch im Internet wurde der Ton noch rauer und aggressiver, als es in rechten Netzwerken bereits der Fall ist. Kurze Zeit war ein Neonazi-Rapper mit seiner aufgebrachten Analyse zu dem Tod von Daniel auf Platz 1 der youtube-Trends. Die Rechte verwandelte ihre unterschwellige Aggression in Taten und schaffte es, eine große Zahl von Menschen zu erreichen und zu mobilisieren – auf der Straße und im Netz. Der Schulterschluss zwischen extremen und moderaten Rechten vollzog sich nun endgültig. Höhepunkt dieser Entwicklung war die gemeinsam von AfD und Pegida organisierte Demonstration durch Chemnitz eine Woche nach dem Tod von Daniel. Journalisten, Gegendemonstrierende und sogar die Polizei wurden angegriffen. Die Rechte lässt in Wort und Tat ungehemmter und vereinter denn je ihren Unmut freien Lauf.

Das war die erste Veränderung. Weiterlesen

Es sollte egal sein, wer gerade am Ertrinken ist

  Während die Welt hofft, dass die in einer Höhle eingeschlossenen Jugendlichen in Thailand dem Ertrinkungstod entkommen, erleiden auf den Meeren dieser Welt fast jeden Tag Menschen dieses Schicksal – ohne große Anteilnahme. Dabei sollte es egal sein, wer gerade am Ertrinken ist, unser Mitgefühl sollte für alle Menschen in Not gelten.

„Das Höhlen-Drama von Thailand“, „Der erste Junge draußen – WEITER SO!“, „Erfahren Sie alles live vor Ort!“ – so und so ähnlich berichten Boulevardmedien seit Tagen über die Tragödie in Thailand. In den Kommentarspalten der Tageszeitungen wird der Anteil der Menschen am Schicksal der Jugendlichen beschworen, Glückwünsche und Hoffnungsbotschaften ausgesendet. Stars und Sternchen schicken aufmunternde Worte und sogar der Weltfußballverband verspricht den  Eingeschlossenen Tickets für das WM-Finale. Die ganze Welt hofft, dass die Jugendlichen dem nicht ertrinken müssen – auch ich.

Nur, im Mittelmeer und anderen Teilen der Welt drohen jeden Tag Menschen zu ertrinken. Allein dieses Jahr ist das in mindestens 1500 Fällen auch passiert. Darunter befinden sich viele Kinder und Jugendliche, viele spielen bestimmt auch in ihrem Hobby Fußball. So gesehen befindet sich jeden Tag eine Fußballmannschaft in der Gefahr zu ertrinken. Dieses grausame Schicksal interessiert die Welt allerdings weit weniger. Im Gegenteil: Die notleidenden Menschen werden diskreditiert und beleidigt, ihre Notlage wird ignoriert. Retter, die sie vor dem Ertrinken bewahren wollen, werden als „Schlepper“ kriminalisiert. Die Rettungstaucher in Thailand dagegen gelten als Helden.

Ertrinken ist nicht gleich ertrinken, Menschenleben nicht gleich Menschenleben. Nur wenn es politisch passt, hast du Chance gerettet zu werden. Passt deine Rettung aber nicht in eine politische Agenda, wird dein Tod in Kauf genommen oder sogar forciert. Immer wieder führen uns Situationen auf dieser Welt diese ungerechte und menschenrechtsfeindliche Lage vor Augen. Dreißigtausend Hungertote jeden Tag, andauernde Kriege in Syrien oder Yemen, grassierende Armut und viele weitere. Die Situation in Thailand ist nur die aktuellste. Natürlich hoffe auch ich, dass die Jugendlichen wohlbehalten aus der Höhle herauskommen. Aber meine Hoffnung endet da nicht, sondern erstreckt sich auch auf alle anderen Menschen in Notsituationen. Denn Mitgefühl sollte keine politische Agenda und nicht zwischen Menschen unterscheiden.

Ende Gelände: Die neuen, cooleren Hippies

Ende Gelände versetzt jedes Jahr Braunkohleregionen in ganz Deutschland in Aufruhr. Ob die Lausitz oder das Rheinland - über mehrere Tage bewirken tausende Aktivisten aus der ganzen Welt in ländlichen und sonst eher beschaulichen Gegenden Ausnahmezustände. Sie protestieren mit Blockaden, Erstürmungen und Demonstrationen gegen Kohleverstromung und für Klimagerechtigkeit. Sie haben Wut auf eine Gesellschaft, die aus ihrer Sicht zu wenig tut, um den Kollaps eines gesamten Planeten zu verhindern. Trotz dieser Wut werfen sie aber keine Steine, zünden Autos an oder bedrohen ihre Gegner. Die Ende Gelände-Aktivisten zeigen nicht nur in ihren Aktionen Friedfertigkeit, sondern auch darüber hinaus.

Entschlossen, aber friedlich: Ende Gelände 2017 im Rheinland
Entschlossen, aber friedlich: Ende Gelände 2017 im Rheinland

Wenn sie über einen Rübenacker marschieren, der auf ihrem Weg zu einem Kraftwerk liegt, rufen sie sich zu, vorsichtig zu gehen, damit keine Rüben kaputtgehen. Sie winken Polizisten zu und wünschen Anwohnern einen Guten Tag. Wenn die Polizei sie mit Schmerzgriffen räumt, fangen sie an zu singen und die Zeit vertreiben sie sich mit Abklatschspielchen. Ständig hat jemand ein Instrument in der Hand und auf Fotos dominieren Lächeln und Peace-Zeichen.

Es ist ein ganz anderes Bild, das die Klimaaktivisten abgeben, als es die Gesellschaft sonst gerne von linken Demonstranten zu zeichnen versucht. Mit ihren positiven Botschaften wirken die Aktivisten von Ende Gelände eher wie moderne Hippies. Make love not war. Sie wollen nicht zerstören oder polarisieren, sie wollen inspirieren und einladen. Anders als die klassischen Hippies müssen sich die Klimaaktivsten nicht den Vorwurf gefallen lassen, sie würden sich zuviel mit sich selbst beschäftigen und zu wenig in die Gesellschaft hineinwirken. Im Gegenteil. Hippies werden kritisiert, ihre Definitionen von Liebe und Pazifismus dienten tatsächlich nur dazu, ihr eigenes Leben in Ruhe betten zu können, während die Welt um sie herum weiter im Chaos versinkt.

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Blockade des Zufahrtsgleises vom Kraftwerk Neurath

Genau gegen dieses Chaos gehen aber die Klimaaktivisten an und schaffen beides: sich mit sich selbst beschäftigen und in die Gesellschaft wirken. Sie bauen solidarische Strukturen auf, um sich und ihrer Community Unterstützung zu leisten. Gleichzeitig wirken sie mit Aktionen und Kampagnen auf gesamtgesellschaftliche Veränderungen hin. Dabei verankert sich Ende Gelände im dritten Jahr seines Bestehens immer mehr in den politischen Alltag. Ob Parteien oder NGO’s – breite gesellschaftliche Kräfte formieren sich hinter den Kohlegegnern. Es fehlt nicht mehr viel und die neuen, cooleren Hippies setzen eine große Stimmung gegen Kohlekraft in Deutschland in Gang. So wie es bei der Atomkraft auch einmal angefangen hat.

Liebe Parteien: Lasst die Wahlplakate einfach weg!

Zu Wahlkampfzeiten überziehen die Parteien jeden Straßenzug mit ihren Plakaten. Dabei sind die Effekte dieser Werbemaßnahmen zu vernachlässigen, der Aufwand und der Ressourceneinsatz dafür aber enorm. Lasst die Wahlplakate einfach weg!

Politik ist Show. Eine Plenardebatte ist eher ein Theaterschauspiel, als ein Diskussionsgremium. Und Wahlkampf erinnert eher an eine Werbekampagne, als an einen offenen Wettbewerb der Interessen. Die überall präsenten Wahlplakate passen in diese Entpolitisierung der Politik: Es geht um Werbung, die beste Präsentation der Kandidierenden, Botschaften und Slogans rüberbringen – den „Spin“ entwickeln. Oder kurz gesagt: "Inhalte weglächeln". Es nervt, wenn die ganze Stadt über Wochen voll mit diesen sinnlosen Werbebotschaften gehangen ist.

In jeder Partei sind hunderte Mitglieder wochenlang in Berlin unterwegs, um Wahlplakate zu hängen. Ein enormer Zeitaufwand, trotz des geringen Effekts. Die Zeit könnte sinnvoll in Diskussionsveranstaltungen, Informationsstände oder Social Media investiert werden -  direkte Ansprachen und Auseinandersetzungen statt einfache (und nichtssagende) Werbeslogans. Zusätzlich würden die Wahletats der Parteien entlastet; dort nehmen die Plakate traditionell hohe Posten ein. Nach der Wahl müssen die Plakate noch irgendwohin. Da die Wahlplakate, mit einzelnen Ausnahmen, nur für eine spezielle Wahl genutzt werden können, werden sie entsorgt. Eine unheimliche Materialverschwendung.

Dass es auch ohne die Plakatflut geht, zeigt das Beispiel Frankreich. Dort dürfen überhaupt keine Plakate gehangen werden. Stattdessen gibt es zentral bereitgestellte Plätze, auf denen geklebt werden kann. Dennoch finden die Menschen am Wahltag ihren Weg in die Wahlkabinen und machen ihr Kreuz. Vielleicht gibt es bei einer der nächsten Wahl eine Partei, die sich traut, auf Plakate zu verzichten. Stattdessen könnten die frei gewordenen Ressourcen in eine direkte Auseinandersetzung mit den Bürger*innen investiert werden. Das würde auch für die Demokratie ein Plus bedeuten. Also traut euch, liebe Parteien!

Warum lässt sich Boris Palmer von Beatrix von Storch unterstützen?

Boris Palmer - Grüner Oberbürgermeister der Stadt Tübingen - hat in der Vergangenheit öfter Unmut seiner Partei auf sich gezogen. Im letzten Jahr hatte er mehrfach gesagt, Deutschland könne die momentane Migrationsbewegung nicht bewältigen. Anfang des Jahres hatte er sogar Schusswaffen an deutschen Außengrenzen gefordert. Er hatte sich auch schon einmal gegen das Adoptionsrecht für Homosexuelle ausgesprochen. Aus seinen eigenen Reihen hatte er jedes Mal deutliche Kritik geerntet. Es gab aber auch Zustimmung, gelegentlich von Personen, die politisch weiter rechts stehen. Noch nie kam sie aber soweit von rechts wie jetzt. Weiterlesen